Lappland

Dies wird der letzte „redaktionelle“ Eintrag zu „incredible India!“. Und da mir gar nicht so Recht einfallen will, wie ich dieses Kapitel zu einem würdigen Abschluss bringen kann, habe ich gerade Birgit gebeten, ob sie mir diese Bürde nicht vielleicht abnehmen möchte. Ihre Antwort „dieses Land kackt mich an, da schreib ich nichts drüber“ lässt kaum Interpretations-Spielraum. Nun denn …

… mich auf jeden Fall hat Indien schon verändert. So habe ich z.B. überall stets das lokale Gebräu den großen, charakterlosen internationalen Bieren vorgezogen. Indisches Bier schmeckt allerdings wie ein lauwarmer Bremsklotz, so dass ich mich schon mehr als 1x beim Gedanken an ein kühles Beck’s erwischt habe. Oder ein Leben ohne Fleisch: noch vor 2 Wochen hätte ich eine große Dose Bier darauf verwettet, dass das für mich kein größeres Problem darstellen würde. Heute klappern meine Zähne schon beim bloßen Gedanken an ein saftiges Steak oder Kotelett.

Das einschneidendste ist dann aber doch der Kultur-Schock. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob dieser Ausdruck hier überhaupt passt. Ein Schock tritt doch, ausgelöst durch ein äußeres Ereignis, schnell ein und lässt dann nach. So war es z.B. bei uns in Japan: nach dem Aussteigen aus dem Airport-Express fühlten wir uns von dem Krach, den Menschen und den Lichtern und Symbolen wie überfahren. Nach ein paar Tagen Orientierungszeit hat sich das gelegt und wir konnten das Land und unsere Zeit dort geniessen.

Hier ist es gerade anders herum: direkt nach der Ankunft dachten wir, ganz Globetrotter, „naja, ist ja garnicht so schlimm. Das hatten wir in Indonesien/ Kuba/ Bolivien doch auch schon so ähnlich“. Jedoch wurde es von Tag zu Tag schlimmer: dieser unglaubliche Dreck überall, auf jeden Schritt und Tritt wird man von der Seite angequatscht und alles ist einfach unglaublich ranzig/ siffig. Statt von Kultur-Schock würde ich eher von Kultur-Depression reden.

Ich möchte hier wirklich keinen Zynismus an den Tag legen und halte mich für einen, was das angeht, doch einigermaßen empfindlichen Menschen. Aber allein durch die schiere Menge hier wird Indien für uns zu einer Art „Armuts-Disneyland“. Der erste Krüppel, der sich mit Hilfe eines Skateboards vorwärts robbt mag noch eine beschämte Betroffenheit auslösen, beim 10. versucht man, so unauffällig wie möglich einen Schnappschuss aus der Hüfte zu schießen und den 20. innerhalb 1/4 Stunde nimmt man einfach nicht mehr wahr.

Auch der Anblick, wie jemand seine Blase/ seinen Enddarm am Straßenrand, vorzugsweise direkt neben einer öffentlichen Toilette, leert, wird irgendwann so selbstverständlich wie der Kamel- oder Ochsenkarren. Wobei, so wie die sanitären Anlagen hier selbst in einem ***-Hotel sind, würde ich mein Geschäft manchmal auch lieber NEBEN der Toilette erledigen. (Anmerkung zum Bild dieses Beitrags: ja, die Spuren auf der Wand sind auf menschliche Exkremente zurückzuführen).

Wie auch schon geschrieben ist es hier unheimlich leicht, neue Freunde und Brüder kennenzulernen. Dauernd wird man mit „my friend“, „Brother“, „Yes!“, „where’re you from?“ oder der Kurzform „which country?“ angesprochen. Hier in Delhi läuft das ganze sogar etwas subtiler ab, da wird man zunächst von einem „Student“ oder „Business-Man“ in ein mehr oder weniger unverbindliches Gespräch verwickelt und dann, wie zufällig, zum Marktstand eines Onkels gelotst, der, schließlich ist man ja ein Freund des Neffen, ein paar saftige Sonder-Rabatte „especially for you“ bereithält. Und vorzeitig abschütteln lassen sich diese Brüder auch nicht. Irgendwann ging uns das so was von auf den Senkel, dass wir nur noch auf Deutsch antworteten oder, Birgits sehr effektive Variante, „alle meine Entchen“ trällerten.

Zum Schluss möchten ich noch kurz einen treuen Begleiter auf unserer Reise vorstellen: den ranzigen, schmierigen Lappen. Wann immer hier irgendwo Touris auftauchen sieht sich der Inder aus reiner Gastfreundschaft verpflichtet, deren Platz vom schlimmsten Staub zu befreien. Dann bilden der Staub und der Dreck aus dem Lappen eine milchige Emulsion und die ebenfalls kurz abgewischte Speisekarte wird so babbisch, dass einem schon vor dem ersten Blick hinein erfolgreich der Appetit vergeht.

… wie schon gesagt, wahrscheinlich reichen 10 Tage einfach nicht aus, um sich diesem Land zu öffnen!

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