Yes, Sir! – Nachtrag

Laut unserem Gastro-Guide habe ich einen Rekord aufgestellt, wobei ich nicht weiß, ob ich darauf wirklich stolz ein soll: ich bin von seinen über 350 Gästen der erste, der das Abschluss-Essen der Tour komplett bewältigt.

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Yes, Sir!

Pünktlich um 8:30 Uhr heute Morgen klingelte das Telefon. Dem Anschein nach sind Fahrer in Indien mindestens so pünktlich wie die Eisenbahn in Japan. Wir hatten damit wirklich nicht gerechnet, außerdem schränkten Verkehrslärm, Bahnbetrieb, Jetlack und prasselnder Regen unseren Nachtschlaf etwas ein. Nichtsdestoweniger trotz ging es dann 10 Minuten später los um die obligatorischen Sehenswürdigkeiten der Stadt abzuhaken. Wir haben diverse Gedenk- und Grabstätten, Tempel, Schreine und Moschee-Ruinen besichtigt, sozusagen das „Who-is-who“ der  Top-Attraktionen. Und da wir relativ früh dran waren kamen uns, zumindest bei den ersten Besichtigungen, die Heerscharen der Touristen erst auf dem Rückweg entgegen. Oder anders ausgedrückt: der frühe Touri knipst das (weitgehend Touri-freie) Bild.

Nach Mittag setzte dann ausgiebiger Landregen ein. Der verwandelte die Straßen der Stadt in Wasserstraßen (Kanalisation? Fehlanzeige!) und verschärfte das Verkehrschaos noch um einiges (kaum zu glauben, aber das geht). So brauchten wir für den Weg zurück ins Hotel zwei gefühlte Ewigkeiten. Dabei haben wir auch einen Bier-Laden in der unmittelbaren Nachbarschaft entdeckt, die dort rumhängenden Gestalten legen aber Abstinenz nahe.

Und da wir gerade beim Thema sind: entgegen meiner Aussage gestern gibt es hier doch ab und zu Fleisch. Allerdings mögen die Inder, zumindest laut unserem Gastro-Guide, den Geschmack von Fleisch nicht sonderlich. Daher versuchen sie ihn mit allen möglichen Gewürzen zu übertünchen. Außerdem führte ein zahnloser König (pardon: Maharadja) dem Fleischkonsum in dieser Region ein. Nachdem wir bei dem Spiel „rate, was für ein Tier das war“ mehrfach versagt hatten, vertraute unser Guide uns an, dass auch er bei all den Gewürzen und der stundenlangen Garerei keine Chance hätte zu erkennen, was das mal gewesen war. Immerhin ist die statistische Chance, dass man richtig liegt, nicht so schlecht: entweder es ist Hähnchen, Ziege oder Lamm. Und aus Kostengründen ist es meistens Hähnchen.

Um genau zu sein vertraute er das nur mir an, denn Birgit fragte sich des öfteren, in welcher Sprache wir uns unterhielten. Als erfahrener Sprecher der weltweit meistgesprochenen Sprache, schlechtem Englisch, hatte ich zwar weniger Probleme, aber spätesten beim „Board Sanctuary“ hörte meine Phantasie dann doch auf (Vorstands-Schutzgebiet?). Trotzdem war die Mischung aus Sight Seeing und Futtern sehr interessant und, wie ich glaube, der ideale Einstieg in die indische Kultur.

Und noch ein „apropos“: apropos Kultur: der befürchtete Kulturschock blieb auch am zweiten Tag aus. Ok, hier ist es deutlich schmutziger, der Verkehr ist schlimmer und es gibt mehr Bettler als in Bolivien oder Indonesien, dafür habe ich aber den Eindruck, dass die Leute unaufdringlicher sind. Ein beherztes „no!“ oder ein energisches Kopfschütteln werden hier durchaus in seiner Bedeutung verstanden.

Apropos Bettler: unser Guide gestern führte uns (natürlich nur zum Schauen, nicht zum Essen) u.a. in einen Sikkh-Tempel, in dem jeden Tag über 10.000 Essen an Arme und Bedürftige ausgegeben werden. Er meinte, zumindest in den Städten, müsste niemand Betteln, um nicht hungern zu müssen. An nahezu jeder Ecke würden Gläubige ihrer Pflicht nachkommen und kostenlos Essen an Jedermann, unabhängig seines Standes, Herkunft oder Religion, verteilen. Er riet uns explizit davon ab, Bettlern etwas zu geben. Diese Worte aus dem Mund eines Einheimischen erleichtern das Gewissen hier doch ungemein.

Auf die Auflistung der genossenen Speisen (über 20 an der Zahl) verzichte ich hier, u.a. auch da ich mich an die meisten Namen nicht erinnere. Hauptsächlich waren es irgendwelche Backlinge mit Curry-Saucen und/ oder weichgegartes Fleisch, meist Hähnchen (s.o.). Außerdem gab es noch Eis, Suppe (die etwas schweflig schmeckte) und Obst-Stullen.

Noch eine interessante Sache zu unserem Guide: dieser arbeitete als IT-Administrator bis er genug von diesem Job hatte und sich dann als Food-Tour Veranstalter selbständig machte. In Kuala Lumpur hatten wir einen Ex SAP-Berater mit der gleichen Motivation. Gibt es eigentlich schon Food-Tours in Weinheim?

Präambel: Turbulenzen

So, jetzt sind wir also tatsächlich in Indien … und den ersten Kulturschock habe ich auch schon hinter mir: der Reiseführer hatte mich ja schon vorgewarnt, ich hatte aber bis zum Schluss die Hoffnung, dass das irgendwie ein Missverständnis sei. Dem ist leider nicht so, unser erster Rundgang über den lokalen Markt offenbart: es gibt überwiegend vegetarisches Essen und kein Bier!

Vom vegetarischen Essen werden wir sicher morgen, nach unserer 7 stündigen 18-Gänge Tour heute Mittag, ausführlich berichten. Und das mit dem Bier werden wir auch verkraften (schließlich haben wir ja noch ein Fläschchen zollfreien Rum dabei ;-)

Der erste Eindruck von Indien ist, von den o.g. Tatsachen mal abgesehen, so schlecht nicht: die Einreiseformalitäten gingen erstaunlich flott und kaum 1/2 Stunde nach der Landung wurden wir von unserem Fahrer mit einem Schild „Mr. OLIVER Welcome“ begrüßt. Der hat uns dann zu unserem Hotel (westlicher Standard) kutschiert, wo wir uns auf der Suche nach trinkbarem auf unseren ersten Rundgang gemacht haben (s.o.). Auch der Fahrer macht einen ordentlichen Eindruck und scheint seine Rolle sehr ernst zu nehmen: er hat uns eine Prepaid Handy-Karte besorgt (die leider nicht in’s iPhone passt) und sich geweigert, uns die 30 Meter zurück zum Hotel laufen zu lassen, nachdem er daran vorbeigefahren war.

Allerdings ist unser Fahrer nicht unsere erste Wahl. Bei unserer Reisevorbereitung sind wir auf einen anderen, der so was wie eine Legende zu sein scheint, gestoßen. Auf unsere Anfrage hin stellte der uns eine Tour zusammen und wir waren uns auch schon komplett handelseinig als wir, eher zufällig, bemerkten, dass er sich beim Datum um einen Monat vertan hat. Dieser kleine Irrtum hatte weitreichende Folgen: erstens hatte er 3 Tage mehr verplant und zweitens war er zu unserer Zeit auch gar nicht verfügbar. Er empfahl uns einen seiner Kollegen, nämlich den, mit dem wir jetzt unterwegs sein werden. Für eine auf 10 Tage optimierte Tourplanung musste sich Birgit allerdings einige Abende (vorwiegend die, die ich in Hangelar verbracht habe) um die Ohren geschlagen.

Apropos Fliegen: der Flug im Air India Dreamliner (B787) verlief so glatt und pünktlich wie wir es nur selten erlebt haben. Allerdings hat Air India von allen Airlines, mit denen wir bisher geflogen sind, die hässlichsten Saftschubsen (zumindest auf diesem Flug).  Birgit meinte außerdem, dass die wohl aus Spartanien kommen müssten: das eine Getränk, das uns gegönnt wurde, wurde uns von einem Bauch- und Schnorresträger mit über die Glatze gekämmtem Seitenhaar serviert. Die Ungeniessbarkeit des Essens hingegen lag nur im Mittelfeld (da hätten zugegebenermaßen aber auch keine orientalischen Schönheiten geholfen).

Die titelgebenden Turbulenzen gab es also weniger in der Luft als vielmehr im unmittelbaren Vorfeld der Reise. Wie üblich habe ich mich von den Kollegen mit bei einem gemeinsamen Mittagessen verabschiedet. Und wie üblich wollte ich mit meiner Kreditkarte zahlen. Irgendwie war mir schon unwohl, als diese im Restaurant mehrfach abgelehnt wurde. Spätestens nachdem ich am Geldautomat auch nichts bekam wurde ich dann echt nervös. Zu Hause angekommen schaffte ein Blick in’s Online-Banking und ein Anruf bei der Bank Klarheit: irgendwie hatte sich meine Kreditkarte selbständig gemacht und ist über Tage hinweg im mittleren Westen der USA auf Shopping-Tour bei verschiedenen WalMart und HomeDepot Filialen gegangen. Und da unbegleitet umherreisende Kreditkarten irgendwie suspekt sind, hat die Bank beschlossen, meine sicherheitshalber zu sperren.

Damit hatte ich 2 akute Probleme: das erste war, dass ich nur noch 2 Stunden Zeit hatte die ganzen Formalitäten bezüglich der Reklamation der Umsätze, des Widerspruchs und der Strafanzeige gegen Unbekannt (ohne die die Reklamation nicht bearbeitet werden kann) abzuwickeln. Dank der „Internetwache“ unserer Polizei habe ich das tatsächlich geschafft und bin nun guter Dinge, die über 1.000 Eu von der Bank zurückerstattet zu bekommen.

Das zweite Problem ist, dass wir jetzt nur noch Birgits Karte haben, um uns mit Bargeld zu versorgen. Das mag ja im Prinzip auch ausreichen, bei Verlust/ Beschädigung/ Sperre etc. dieser Karte wird’s dann aber eng. Die Alternative, die ganze Zeit mit viel Bargeld hier rumzurennen, gefällt uns auch nicht wirklich …

Wie dem auch sei, unsere erste Ration Rupien haben wir (fast) problemlos bekommen, jetzt sind wir im Hotel und ruhen uns noch ein wenig aus, bevor wir gleich auf unsere große Food-Tour gehen. Der erwartete (und verschiedentlich vorhergesagte) ganz große Kulturschock ist bisher ausgeblieben und wir freuen uns auf „incredible India“!