Lima




Lima, ein Album auf Flickr.

ich gebe zu, dass ich mit den Texten etwas in’s Hintertreffen geraden bin. Hier zunächst ein paar Bilder gemäß dem NDW-Motto: „haben wir hier schlechtes Klima, fahr’n wir sofort nach Lima“.

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Soroche

Gestern stand nach der ziemlich anstrengenden Busfahrt im Wesentlichen Lungern auf dem Plan. Unsere Unterkunft hier in Huaraz ist das krasse Gegenteil zu der in Trujillo: großes, ruhiges Zimmer, komfortables Bett, tolle Aussicht. Außerdem das erste Mal seit geraumer Zeit wieder eine Küche. Da mussten wir die Gelegenheit beim Schopfe packen und uns auf dem Markt mit Hack, Gemüse, Spaghetti und Rotwein eindecken. Beim Kochen durften wir dann bereits zum 2. Mal während dieser Reise die französische Haute-Cousine miterleben. Ich bekam glatt kulinarisches Mitleid und wollte den beiden Mädels statt ihres verkochten Mehlbrei (ehemals Nudel) mit lieblos geschnittenem Gemüse und hoffnungslos verbranntem Fleisch einen Teller unserer göttlichen Bolognese anbieten, das hat Birgit aber unterbunden.

Heute haben wir dann den Höhepunkt unserer Reise erreicht: den Gletscher Pasto Ruri mit 5.300 Metern! Davon haben wir aber zugegebenermaßen nur die letzten 150 Höhenmeter zu Fuß zurückgelegt haben. Ok, auch das ist nicht ganz korrekt, eigentlich nur ich. Birgit wurde Opfer der Höhenkrankheit und musste etwa nach halber Strecke umkehren (alternativ hätten wir die Strecke auch zu Pferd zurücklegen können, doch dazu waren wir zu stolz/ geizig). Bei mir hingegen trat ziemlich genau das Gegenteil ein, eine Art Höhenrausch. Ich bin abgegangen wie eine Lokomotive, habe alle überholt und war regelrecht deprimiert, als der legal begehbare Pfad zu Ende war. Ich bin mir sicher: noch 150 Höhenmeter mehr und mir wäre Gott im brennenden Dornenbusch erschienen! Das könnte evtl. auch mit den Coca-Blättern in meinen Backentaschen (oder dem konsumierten Coca-Tee) zu tun gehabt haben, doch kam ich mir dort oben unheimlich leicht, frei und euphorisch vor. Auf jeden Fall verstehe ich seit heute den Sinn hinter John Denvers Hit „Rocky Mountains High“.

Mit uns an Bord des Tour-Bus waren außer einer nervigen peruanischen Schulklasse noch 2 deutsche Volontärinnen, von denen mindestens eine mächtig gefrustet war. Die beiden bestätigten uns das, was wir ohnehin schon vermuteten: ein Volontariat ist eine extrem kostspielige und unbefriedigende Angelegenheit: nicht nur, dass man neben der wenig erfüllenden Arbeit auch noch für Kost und Logis zahlen muss, auch die Vermittlung einer Stelle schlägt mit mehreren kEUR zu Buche. Eine der beiden (es war die weniger frustrierte) hat es treffend formuliert: ein Volontariat ist etwas für betuchte Eltern, die befürchten, dass ihre Sprösslinge nach dem Abi etwas Dummes anstellen könnten.

Wieder oben

Nach einer weiteren, relativ unbequemen Nachtbus-Fahrt, sind wir jetzt wieder auf über 3000 Metern Höhe in Huaraz. Die Bestuhlung des Bus‘ war diesmal um einiges großzügiger, doch dafür waren die Sitze extrem durchgesessen.

So, jetzt Butter bei die Fische: ich habe versucht, es hinauszuzögern, zu verdrängen oder diese unangenehme Aufgabe an Birgit zu delegieren, aber es hilft nichts, es ist nun mal des Chronisten Pflicht! Um keine schmachvolle Lücke in meinen Aufzeichnungen zu hinterlassen werde ich nun auch noch die letzten beiden Tage in Trujillo dokumentieren.

Ich erwähnte schon in Zusammenhang mit unserem Hotel, dass ich mit dieser Stadt nicht so recht warm werde. Nun könnte der geneigte Leser ja meinen, selbst schuld, wenn er bezüglich seiner Unterkunft eine schlechte Wahl trifft, womöglich noch vom Geiz beflügelt. Dem werde ich dann aber entgegnen: wenn es das nur wäre! Diese Stadt ist einfach von Grund auf laut und unangenehm. Ich vermute, dass jeder Automobilist hier einen stechenden Schmerz in seinem linken Hoden (alternativ: Eierstock) verspürt, wenn er/ sie nicht alle mindestens 30 Sekunden seine Hupe betätigt. Außerdem wird man als Gringo mindestens mit der gleichen Frequenz Opfer der Anpreisung fraglicher Waren oder Dienstleistungen, die mich manchmal meine durchaus gute Kinderstube vergessen und dem aufdringlichen Anbieter ein deftiges „F*** Dich in’s Knie“ mit einem honig-süßen Lächeln auf den Lippen entgegenschleudern ließen.

Die Krönung war aber jenes im Reiseführer angepriesene Restaurant, das angeblich leckere Kotelett in der Größe von Klodeckeln servieren sollte. Die haben uns tatsächlich bezüglich ihrer „flexiblen“ Öffnungszeiten 3x um eine halbe Stunde Geduld gebeten, da sie noch nicht mit dem Eindecken der Tische fertig waren. Beim dritten Mal verabschiedeten wir uns freundlich mit einem „F*** Dich in’s Knie“.

Statt dessen gab’s dann China-Mampf in einem Restaurant, dass versuchte, eine intime Stimmung durch das Abteilen der Tische durch Vorhänge zu erreichen. Spontan hatten wir beide die Assoziation einer Stasi-Verhörzelle, da das Essen aber halbwegs genießbar war, verzichteten wir auf den mittlerweile gewohnten Gruß. Noch eine kleine Pointe: die Chinesen hier sind des Spanischen ähnlich wenig mächtig wie die bei uns des Deutschen. Für das Enten-Gericht wählten sie daher einen Ausdruck, der zwar laut Wörterbuch auch zoologisch Ente bedeutet, in erster Linie aber Urinal oder Reiterspiel.

Am nächsten Tag war dann eine ganztägige Tour zu den prä-kolumbianischen Stätten angesagt. Dazu nur soviel: so recht haben wir unseren Zugang zu Sand und Steinen noch nicht gefunden.

Da unser Nachtbus erst um 9 ging, mussten wir uns auch gestern noch einen Tag in dieser Stadt um die Ohren schlagen. Irgendwie wollte sie dabei wohl einiges wiedergutmachen: außerhalb der Stadtmauer entdeckten wir einige quicklebendige Straßenzüge und Märkte, und schlussendlich kann ich hier sogar von dem mit Abstand leckersten Ceviche der bisherigen Reise und meinem ersten Pisco Sour berichten.

A long way down

Bevor wir unseren Nachtbus besteigen durften, wurden wir und unser Handgepäck gründlich durchsucht. Ob es hier wohl regelmäßig Bus-Entführungen gibt? Oder Schießereien? Die kurz aufflackernden negativen Gedanken verdrängen wir ganz schnell wieder. Der Bus ist extrem eng bestuhlt, unsere Vor-Sitzer können ihren Sitz soweit zurücklehnen, dass er fast auf unserem Bauch liegt (und tun das auch). Unsere einzige Möglichkeit, nicht zerquetscht zu werden, besteht darin, unsere Lehnen ebenfalls ohne Rücksicht auf Verluste zu neigen. So läuft die Welle durch den Bus und noch vor der Abfahrt befinden sich alle in einer beengt-gebeugten Haltung, die, soviel ist klar, jeden erholsamen Schlaf erfolgreich verhindern wird.

Evtl. muss ich letztere Aussage etwas revidieren, denn kaum dass wir die Lichter der Stadt hinter uns gelassen haben, waren außer dem Motor rings um uns nur Schnarch-Geräusche zu vernehmen. Und auch bei uns wurden die Lücken im Hörbuch, trotz schmerzhaft eingeklemmter Beine, immer länger.

Mitten in der Nacht folgte dann etwas, was wir Schengen-verwöhnte Mitteleuropäer so ganz und gar nicht kennen: der Grenzübertritt. Und der gestaltete sich so: zunächst die Ausreise aus Ecuador, bei der wir so ziemlich unseren kompletten Lebenslauf in doppelter Ausführung zu Papier bringen mussten. Nach ein paar kritischen Nachfragen des Grenzers (z.B. nach Beruf, Aufenthaltsdauer und -Grund, obwohl das alles auch schon im Formular stand), ging’s mit dem Ausreise-Stempel dann auf die peruanische Seite, wo wir nahezu identische Formulare ausfüllen und die selben Fragen über uns ergehen lassen mussten. Mit dem Einreisestempel im Pass mussten wir uns dann nochmal in einer Baracke bei der Polizei registrieren. Diesmal mussten wir das Formular zwar nicht selbst ausfüllen, die abgefragten Informationen waren aber exakt die selben. Die gesamte Prozedur dauerte eine geschlagene Stunde.

Bei der Ankunft in Piura zeigte sich das Land dann von der versöhnlicheren Seite: das Terminal unserer Folge-Linie war schnell gefunden (im Gegensatz zu Ecuador gibt es in Peru keine zentralen Bus-Terminals) und ein paar Soles ohne Komplikationen am Automaten gezogen. In der verbleibenden Stunde vor der Weiterfahrt statteten wir dem Markt noch einen kurzen Besuch ab. Dort konnte ich der Verlockung einer Portion Ceviche mit Nudeln nicht widerstehen. Zur Erinnerung: Ceviche ist die hiesige Version von Sushi, also rohes Meeres-Getier mit Limettensaft. Das Gericht gilt sowohl als Aphrosidiakum als auch als Quelle für Cholera (mir ist nicht ganz klar, was das eine mit dem anderen zu tun hat). Wie dem auch sei: nach dem Verzehr konnte ich sowohl meine Triebe als auch meine Ausscheidungen problemlos unter Kontrolle halten (wobei ich bei letzterem noch etwas vom Imodium unterstützt wurde).

Das Durchsucht-Werden vorm Einsteigen in Ecuador kam mir ja schon etwas befremdlich vor, hier wurde das noch besser: wir mussten durch eine Sicherheits-Schleuse, wurden durchsucht und abgetastet, mussten unseren Pass zeigen und einen Fingerabdruck abgeben. Ich vermute, der wird im Falle eines Unfalls zur Identifikation gebraucht … schnell wieder vergessen!

Diesmal hatten wir dafür einen echten Luxus-Bus mit sehr großzügiger Bestuhlung und Bord-Verpflegung. Und die rundete den durch beim Bording gewonnenen Eindruck perfekt ab: Chicken or Beef?

Nach ingesamt 17 Stunden Fahrt, in der wir ca. 800 km hinter uns gebracht haben, sind wir schließlich hier in Trujillo, jener Stadt, mit der ich mich so ganz und gar nicht anfreunden kann, ohne größere Schäden an Leib und Leben angekommen.